Lange bevor der Gotthard oder der San Bernardino zu Autobahntunneln ausgebaut wurden, entstand im Wallis bereits eine Röhre, die als einer der ersten grossen Alpen-Strassentunnel überhaupt gilt: der Grosse-St.-Bernhard-Tunnel. Seit seiner Eröffnung 1964 verbindet er Bourg-Saint-Pierre im Wallis mit dem italienischen Aostatal — und machte aus einer der ältesten Passrouten der Alpen eine ganzjährig befahrbare Verbindung.

Der erste grosse Alpentunnel

Als der Tunnel 1964 dem Verkehr übergeben wurde, war er eines der ersten Bauwerke, das eine durchgehende, wetterunabhängige Strassenverbindung unter einem grossen Alpenpass herstellte — noch vor dem Mont-Blanc-Tunnel, der wenig später eröffnet wurde. Für das Wallis und das Aostatal bedeutete das einen historischen Einschnitt: Der Warenaustausch und die Reiseverbindung zwischen der Schweiz und Norditalien waren fortan nicht mehr auf die kurze schneefreie Saison auf der Passhöhe beschränkt.

Verbindung ins Aostatal

Der Tunnel liegt unterhalb des Grossen-St.-Bernhard-Passes, einem der geschichtsträchtigsten Alpenübergänge überhaupt. Auf der Passhöhe steht bis heute das berühmte Hospiz, das seit dem Mittelalter Reisenden Zuflucht bietet und der Ursprungsort der als Rettungshunde bekannten Bernhardiner ist. Während die Passstrasse diese Geschichte oberirdisch erlebbar macht, führt der Tunnel den heutigen Durchgangsverkehr direkt und ganzjährig unter dem Pass hindurch nach Italien.

Schematische Darstellung des Grenztunnels zwischen dem Wallis und dem italienischen Aostatal.
Wo einst nur der Fusspfad zum Hospiz führte, verbindet heute eine Röhre zwei Länder — das ganze Jahr über.

Pass und Tunnel: zwei Wege, eine Verbindung

Die Passstrasse über den Grossen St. Bernhard bleibt in der schneefreien Jahreszeit eine reizvolle, kurvenreiche Alternative mit weiten Ausblicken auf die Walliser und Aostaner Bergwelt. Im Winter wird sie jedoch wegen Schnee und Lawinengefahr regelmässig gesperrt. Der Tunnel darunter bleibt davon unberührt und hält die Verbindung zwischen Wallis und Aostatal ganzjährig aufrecht — für Berufspendlerinnen und -pendler ebenso wie für den grenzüberschreitenden Warenverkehr.

Ein ruhigerer Nachbar der grossen Alpentransversalen

Verglichen mit dem Gotthard oder dem San Bernardino ist der Grosse-St.-Bernhard-Tunnel deutlich weniger befahren — er liegt abseits der grossen Nord-Süd-Transitachsen und bedient in erster Linie den regionalen Verkehr zwischen dem Unterwallis und dem Aostatal sowie den touristischen Verkehr Richtung Grand-Combin-Gebiet und Courmayeur. Diese geringere Belastung bedeutet nicht weniger Sorgfalt bei Wartung und Sicherheit: Auch hier sorgen Lüftung, Notrufnischen und eine laufende Überwachung durch die zuständigen Stellen auf beiden Seiten der Grenze für einen sicheren Betrieb.

Grenzübergang ohne systematische Kontrolle

Da die Schweiz und Italien beide zum Schengen-Raum gehören, entfallen im Normalfall systematische Personenkontrollen: Wer durch den Tunnel fährt, bemerkt den Grenzübertritt meist nur an einem Hinweisschild. Da die Schweiz jedoch nicht Teil der EU-Zollunion ist, bleibt der Übergang zollrechtlich eine Aussengrenze — punktuelle Zollkontrollen sind deshalb weiterhin möglich, auch wenn die Passkontrolle in aller Regel entfällt.

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